Rotlicht-Geschichte der Kölner Häfen

„Schwarze Seele des hilligen Köln“

  • 1951

    Im Chicago am Rhein war der Hafen berüchtigt. In der Not der Nachkriegsjahre war Prostitution ein Mittel zum Überleben – von einer Zeitzeugin kölsch-deftig bezeichnet als „Poppe für ze Fresse“, gegen Zigaretten als Währung: im Vorderhaus die Schnapsbrennerei für Knolly Brandy, „im Hinterhof der Puff“. Es ging um „Dirnenhäuser“, aber auch um Gewaltverbrechen. 1951 kam die „schwarze Seele des hilligen Köln“ bundesweit in die Schlagzeilen als „Hochburg des Lasters“, mit Gangsterkarrieren, ja sogar Mordfällen.

  • 1957

    Hafenviertel. Die Obrigkeit war ratlos. Der Stadtverordnete und spätere Oberbürgermeister Theo Burauen inspizierte persönlich das Viertel und war entsetzt. Politik und Polizei nannten Gewaltverbrechen in einem Atemzug mit jeder Art von Sexualität, die vom herrschenden Muster der bürgerlichen Ehe abwich. Mit „lichtscheuem Gesindel, Straßenräubern, Dirnen und Homosexuellen“ im Hafenviertel sollte aufgeräumt werden. Zunächst durch rasche Enttrümmerung – gegen den Protest der Stadtkonservatorin wurden auch alle Bodendenkmäler abgeräumt. Die Trümmer waren beseitigt – doch die Huren blieben.

  • 60er

    Jugendgefährdend. 2.800 von ihnen waren 1949/50 in Köln offiziell erfasst – nicht gezählt die „geheime Prostitution“, gelegentlich betrieben auf Straßen und in Gassen. Gegen diese wollte man 1953/54 durchgreifen. Die Polizei aber duldete die Etablissements, um das „Miljö“ zu kontrollieren – in Razzien, aber auch mit kölschem Pragmatismus wurden sie verhört: das „Strick-Kätt us dr Nächelsjass“, das „Rheingold-Trinchen“, das „Trud, dat Joldmund“. Ein besonderes Problem waren Kneipen, viele in der Brinkgasse, die meisten in der Nächelsgasse im Hafenviertel. Hier wurden „Em Stüffge“, „Em Schänzge“ und „Zum Anker“ von den Betreibern Anfang der 1960er-Jahre liebevoll beworben und von Kripo-Chef Wenzky als „jugendgefährdend“ verdammt.

  • 1963

    Grundstückspreise. Politiker sorgten sich 1963 um den „sozialen Abstieg der nördlichen und südlichen Altstadt“. Man befürchtete am Eigelstein und im Hafenviertel moralischen Verfall – aber auch den der Grundstückspreise. Jetzt musste die Stadtsanierung das Problem lösen. Durch die Auffahrt zur Severinsbrücke, 1959 eingeweiht, sollte zwar die Nächelsgasse verschwinden – nicht aber die Huren: „Nommedachs loche do de Huusfraue-Nutte en wießer Ungerwäsch em Finster un leete ehre Memme üvver de Britz hange. Uns feele de Auge usm Kopp. Kalibere kunns du do aanjeseechtich weede. Do leever Jott!“ Das Jugendamt erwog die „Verblendung der Fenster.

  • 1964

    Hafenauszug. Im Juli 1964 waren „alle 14 Dirnenhäuser der Nächelsgasse geschlossen und die Gebäude zur Bereinigung des Stadtbildes abgebrochen“. Zuvor erfolgte der Auszug der Huren in Form eines karnevalsgleichen Lustspiels mit Trauermarsch der Bewohnerinnen. Doch wohin? Ein zentrales Haus für alle Kölner Huren lehnte Oberstadtdirektor Max Adenauer ab (das Bordell in der Hornstraße eröffnete erst 1972). So lenkten die „89 wohnungslos gewordenen Damen“ aus dem Hafenviertel ihre „Autos gen Aachen und Düsseldorf oder suchten Asyl bei den Kolleginnen der Brinkgasse.“ Hier war nun die Hölle los: Allein die Damen aus der Nächelsgasse wurden „pro Monat von 20.000 bis 30.000 Gästen besucht.“

  • 70er

    Staatsjemaat. Im Hafenviertel dagegen erinnert heute nichts mehr daran. Außer zum Advent in St. Maria Lyskirchen, wo in der Krippe bei der Heiligen Familie neben dem Schutzmann auch das leichte Mädchen steht, „staatsjemaat“ mit einem Matrosen im Arm. So bewahrt ausgerechnet die Kirche, deren Gemeinde einst so kämpferisch gegen Sittenverfall und Sünde stritt, die Erinnerung an die wilden Zeiten des Hafenviertels und integriert sie rheinisch-katholisch und liebevoll in ihre Frohe Botschaft.

Zusammenfassung von Dr. Mario Kramp